22. August 2005 |
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An Gerd Leipold, Geschäftsführer von Greenpeace International |
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[0SK] Sehr geehrter Herr Dr. Leipold, |
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[0SL] ob dieser Brief bis zu Ihnen vordringt oder vorher »abgefangen« wird, weiß ich nicht. Ich muss es darauf ankommen lassen. Sie werden sich fragen, wieso ich mich gleich an Sie wende, wenn ich was von Greenpeace will. Aber dies ist nicht der erste Versuch; vor anderthalb Jahren schrieb ich an Frau Behrens, erhielt aber keine Antwort. Dass ich es nicht noch »weiter unten« probiert habe, liegt am Grundsätzlichen meines Anliegens. |
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[0SM] Der Anlass für meinen heutigen erneuten Versuch ist die jüngste Ausgabe der »Greenpeace Nachrichten«, die mir gestern in den Briefkasten flatterte. Die Deutschland-Chefin von Greenpeace gibt dort ein Interview. Gefragt, ob sie nach wie vor den Hauptkonflikt zwischen Industrie und Umwelt sehe, antwortet sie mit ja. Gefragt, ob Spenden für Greenpeace nicht eine moderne Form des Ablasshandels seien, antwortet sie mit nein. Natürlich ist sie nicht so einsilbig, sondern ergänzt diese Antworten, aber weder nimmt sie damit ihre Aussagen zurück noch begründet sie sie für mich überzeugend. |
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[0SN] Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Ich halte Frau Behrens in jeder Hinsicht für souverän, auch Ihren Ansichten gegenüber, und hege keinerlei Erwartungen an Sie im Hinblick auf Frau Behrens. Ich würde lediglich gern Ihre Meinung zu dem wissen, was ich damals Frau Behrens fragte und worauf zumindest sie mir eine Antwort schuldig blieb. Denn aus ihren Äußerungen im Interview schließe ich, dass sie mir nicht folgen konnte oder wollte und dass sich daran bis heute nichts geändert hat. Hier ist der Wortlaut meines Briefes an sie: |
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[0SP] Sehr geehrte Frau Behrens, |
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[0SQ] im Herbst 2002 wandte ich mich schon einmal mit einer Frage an Sie, allerdings ohne dass ich von Ihnen eine Antwort erhalten hätte. Hr. Fouad Hamdan führte – wahrscheinlich von Ihnen beauftragt – später eine Korrespondenz mit mir. Er war sehr höflich und nahm sich offensichtlich Zeit für den Dialog. |
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[0SR] Mein Anliegen war und ist ein Gespräch, aus dem heraus für mich verständlich und nachvollziehbar wird, warum Greenpeace sich nicht – oder doch höchstens so wenig bzw. so »leise«, dass ich über die Medien bislang nichts davon erfahren habe – mit den Gründen für das fortwährende und höchstens durch mehr oder weniger schwere Krisen unterbrochene Wachstum in der Weltwirtschaft auseinandersetzt, von Fachleuten auch Kapitalismuskritik genannt. Hr. Hamdan schrieb im Dezember 2002: |
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[0SS] »Ich kann Ihre Erwartungshaltung sehr gut verstehen, speziell den Wunsch, dass wir uns öffentlich zum Thema Kapitalismus und Wachstum ausführlicher äußern. Unser Auftrag laut Satzung ist aber Umweltschutz zu betreiben, unabhängig vom Wirtschaftsystem. Wir dürfen und wir wollen keine ideologische Debatten führen. Das ist die Rolle von Parteien. Wir streifen das Thema, wir setzen die Finger auf die Wunden, wenn es einen Umweltaspekt gibt. |
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[0ST] Für Greenpeace gibt es aber ein Thema, dass wir sofort anpacken würden, wenn es brenzlig werden sollte: unsere Demokratie und die damit verbundene freie Meinungsäußerung. |
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[0SU] Ich möchte Sie bitten, die Papiere, die ich Ihnen gesendet haben, als unseren bescheidenen Beitrag zur Kapitalismus-Kritik zu akzeptieren.« |
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[0SV] Meine Erwartung war nicht, dass Greenpeace sich losgelöst vom Thema Umweltschutz und Nachhaltigkeit zu den Aspekten Wachstum und Kapitalismus äußert. So, wie Sie einen Zusammenhang zwischen Pressefreiheit und Umweltschutz, zwischen Demokratie und Umweltschutz und zwischen Menschenrechten und Umweltschutz sehen – jedenfalls sieht das GPM diese Zusammenhänge –, so gibt es einen Zusammenhang zwischen Wachstum und Umweltschutz auf der einen Seite und zwischen Kapitalismus und Wachstum auf der anderen. Jedenfalls sehe ich ihn. |
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[0SW] Keinesfalls erwarte ich, dass irgendjemand ideologische Debatten führt. Ich sehe auch die Rolle von Parteien nicht darin, wenngleich immer wieder führende Vertreter wichtiger Parteien in diesen Fehler der politischen Auseinandersetzung verfallen. |
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[0SX] Es ist mir nicht gelungen, die zugesandten Papiere als hinreichenden, als überzeugenden Beitrag zur Kapitalismus-Kritik aufzufassen – nicht so sehr ihres Inhalts wegen als vielmehr wegen ihrer fehlenden Öffentlichkeitswirksamkeit. Ich bin der Überzeugung, dass Umweltschutz letztlich auf einem wichtigen, wenn nicht dem wichtigsten seiner Handlungsfelder scheitern wird, wenn er nicht gegen Strukturen ankämpft, die Nationen und Volkswirtschaften nur zwischen (ernster) Krise und ununterbrochenem Wachstum wählen lassen. Solange diese Strukturen nicht klar analysiert sind, kann dagegen nichts unternommen werden. |
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[0SY] Ich möchte Ihnen daher folgenden Vorschlag machen, auch wenn er Ihnen seltsam vorkommen mag: Ich lade Sie zu einem persönlichen Gespräch ein – wenn Sie wollen, gern auch mit einer/einem oder zwei weiteren Teilnehmer/innen – über dieses Thema und seine Relevanz für den Umweltschutz. Das Gespräch könnte in Hamburg stattfinden – wenn Sie mögen, in Ihrem Büro. Ich würde dafür zusätzlich zu meiner jährlichen Spende an Greenpeace in Höhe von umgerechnet DM 1000,00 einmalig € 1000,00 überweisen, also sozusagen Ihre Arbeitszeit kaufen, wenn Sie so wollen. Ich muss für dieses Geld und eine Fahrt nach Hamburg und zurück knapp zwei Wochen arbeiten. |
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[0SZ] Damit Sie mich nicht missverstehen: Ich mag mich in meiner Auffassung irren. Ich warte auf den Tag, an dem mir das jemand plausibel macht, damit ich mich wieder angenehmeren Dingen zuwenden kann, als der ideologischen Debatte bezichtigt zu werden. Aber ich unterstütze seit anderthalb Jahrzehnten eine durchaus schlagkräftige und auf vielen Handlungsfeldern erfolgreiche Organisation, die seit ebenso langer Zeit weiß, dass zahlreiche bereits erzielte Erfolge wieder hinfällig werden, wenn die mit immer größerer Genauigkeit und Dramatik vorhersagbaren Klimaveränderungen auch nur zu einem Teil eintreten sollten. Und diese Organisation hat nicht verhindern können, dass die Ursachen für klimatische Veränderungen nicht nur nicht beseitigt wurden, sondern sich Jahr für Jahr verschärften und weiter verschärfen. Mir fallen viele polemische Vergleiche ein, die Situationen beschreiben, in denen engagierte Menschen vor einem Aspekt ihres Engagements die Augen verschließen. Ich will Sie damit verschonen. Wenn es Ihnen gelingt, mir die Haltlosigkeit der von mir beschriebenen Zusammenhänge klarzumachen oder wenn Sie mir langfristige Erfolgsperspektiven der Arbeit von Greenpeace trotz dieser Zusammenhänge vermitteln können, will ich zufrieden sein. Ich bin ein engagierter Diskussionspartner, aber ganz bestimmt kein Ideologe. |
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[0T0] Ich freue mich auf Ihre Antwort. |
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[0T1] Ich habe nicht vor, dieses Mal Ihnen anzubieten, dass ich anrücke. Frau Behrens hat in ihrem Interview gesagt: »Es gibt natürlich immer mal vereinzelte Förderer, die sagen, ach, könnt ihr nicht endlich mal aufhören, zum Thema Atomkraft zu arbeiten, dann würde ich euch noch Summe X überweisen.« Ich weiß nicht, ob sie mein damaliges Angebot so interpretiert hatte. Es ging mir weder darum, dass Greenpeace zusätzlich meine Ansichten vertritt, noch darum, dass Greenpeace etwas unterlässt oder nicht mehr sagt, was meinen Ansichten zuwider läuft. Es ging mir darum, herauszubekommen, warum es diese Diskrepanz zwischen den Ansichten von Greenpeace und meinen eigenen gibt, denn wenn ich auch nicht unentwegt gemäß meinen eigenen Überzeugungen von umweltverträglicher Lebensweise handle, so halte ich diese Überzeugungen doch für einigermaßen schlüssig und die von Greenpeace an mindestens einer Stelle nicht. Es macht mich unzufrieden, die Ursachen dieser Diskrepanz bislang nicht ergründet haben zu können, und diese Unzufriedenheit hat Distanz geschaffen. Diese wieder zu verringern will ich nicht aufhören zu versuchen. |
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Mit freundlichen Grüßen |
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Stephan Geue |
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