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26. August 2006

An ein Mitglied des geschäftsführenden Bundesvorstandes des DGB, Dietmar Hexel

[1RT] Sehr geehrter Herr Hexel,

[1RU] vielen Dank für Ihr Schreiben und die »Mitbestimmung«, die Sie mir am 17. Juli zusandten! Das ist bislang die einzige Reaktion auf meine Kommentare, und das hebt Sie schon mal gegenüber den anderen Diskussionsteilnehmern etwas hervor. Ich hatte nicht ernstlich von jedem eine Erwiderung erwartet, zumal meine Kommentare ja durchaus kritisch sind, aber ein wenig enttäuscht bin ich, dass nicht wenigstens der Moderator sich gerührt hat. Aber ich kann es nicht ändern – zur Freiheit der Meinungsäußerung gehört auch, sich nicht äußern zu müssen.

[1RV] Sie hatten mir zu bedenken gegeben, dass Antworten in öffentlichen Äußerungen nicht in die Tiefe gehen könnten und dass der Moderator »seine fixierte Fragebrille« getragen hätte, die ihn an einer Offenheit gegenüber unerwarteten Antworten gehindert hätte. Also, das mag ja alles unserer mehrfach bestätigten Erfahrung entsprechen, und darum habe ich mich über diesen Verlauf des Gesprächs auch nicht weiter gewundert. Aber der Frosch ist ein Wechselblüter, und darum kann man ihn garkochen, ohne dass er Reißaus nimmt, wenn nur das Wasser in dem Topf, in den man ihn steckt, anfangs kalt ist. Und der Mensch ist ein Gewohnheits- und Gewöhnungstier, also mental auch nicht viel anders gestrickt. Folglich hielt ich es für geboten – und habe diese Meinung bislang nicht geändert –, meine Einwände auch gegen solche Äußerungen zu erheben, die in dieser Diskussion nicht zum ersten Mal gemacht wurden, die ich irgendwann mal für bedenklich oder sogar verwerflich hielt und zu deren Verteidigung mir seither nichts eingefallen ist.

[1RW] Wenn der Moderator eine Sendung mit Informationsgehalt bringen will, sollte er um Neuigkeiten bemüht sein, um Unerwartetheiten. Alles andere ist keine Information. Wenn die Diskussionsteilnehmer es bei einer durchschnittlichen Redezeit von acht Minuten (bei 40 Minuten Dauer der Sendung und fünf Teilnehmern) für unmöglich halten, »in die Tiefe« zu gehen, dann kann ich das verstehen. Mir würde es auch schwer fallen, mein »Manifest« in acht Minuten zu vermitteln. Aber jeder Eingeladene kann sich ja frei entscheiden, ob er zu einer solchen Sendung geht und aus Zeitmangel ein Klischee bedient, oder ob er stattdessen eben nicht hingeht. (Vielleicht ist er aber auch nicht frei, weil er im Auftrag seines Arbeitgebers kommt oder zumindest eine Vorstellung davon hat, welche Äußerungen dieser bevorzugt und welche eher nicht. Wenn das der Fall ist, brauchen wir keine Diskussion über Zensur, sondern eine über Selbstzensur, über die »Schere im Kopf«, sei sie nur durch Angst um den Job oder durch ein Streben nach einem besser bezahlten Posten motiviert.) Man kann natürlich immer noch denken: Besser, ich bediene ein Klischee, als dass an meiner Stelle irgendein Depp kommt und noch weniger Niveau verbreitet. Aber letztlich ist dies sowieso nicht zu verhindern. Folglich würde ich mich dem medialen Sog wohl eher entziehen. Allerdings hat mich noch niemand zu einer Radiosendung eingeladen; ich weiß nicht, wie verführerisch diese Publicity letztlich in Wirklichkeit ist und ob da nicht doch meine Eitelkeit siegte.

[1RX] Ich hoffe, Sie hatten einen erholsamen Urlaub im Sinne einer »geschärften Säge« (oder Axt), und bin gespannt, ob Sie sich noch im Detail zu meinen Fragen äußern werden.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Geue

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