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22. Oktober 2009

An Johannes Friedrich, Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Bayern

[2LX] Sehr geehrter Herr Dr. Friedrich,

[2LY] vor einigen Wochen erfuhr ich davon, dass Paul Nolte vom Rat der EKD zum Präsidenten der Evangelischen Akademie zu Berlin ernannt wurde. Gleichzeitig wurde ich auf einen Artikel in der FAZ aufmerksam gemacht, in dem Paul Nolte unter dem Titel »Abschied von der Gerechtigkeit« seine Sicht der Entwicklung der Gesellschaft in Deutschland und wie sie nicht sein sollte umriss. Ich finde seine Ansichten zwar nicht außergewöhnlich in der politischen Landschaft, und er vertritt sie offenbar mit einer bemerkenswerten Kontinuität seit Jahren, bekennt sich auch ausdrücklich zu einer neokonservativen Weltsicht. Dr. Rüdiger Sachau, der Direktor der Akademie, hat mir das durch Zusendung einer Ausgabe von »Aus Politik und Zeitgeschichte« aus dem Jahre 2005, in der Paul Nolte ebenfalls publizierte, recht anschaulich gemacht. Es hat mich jedoch geärgert, dass jemand mit seiner Sichtweise eine Institution der Evangelischen Kirche vertritt. Was mich allerdings regelrecht erschüttert hat, war die Feststellung, dass er dieses Amt nicht etwa seit Jahren in einer Haltung der Zuwendung zu den Schwächsten der Gesellschaft bekleidet hat, wie man dies wohl am ehesten von einem Christen erwarten würde, und sich nun davon entfernt und einer, möchte ich sagen, durchaus neoliberal geprägten Einstellung zugewandt hätte, sodass man sich fragen könnte: Was hat diesen Mann uns entfremdet? Nein, sein Weltbild war vielmehr seit Jahren so erkennbar, und nun, nachdem alle, die das interessieren sollte, es gewusst haben konnten, ist er dennoch in diese Position gelangt, in der er ja nicht nur die Evangelische Akademie zu Berlin, sondern ein Stück weit auch die Evangelische Kirche insgesamt repräsentiert.

[2LZ] Ich habe selbst sehr viel darüber nachgedacht, was das für mich bedeutet. Meine Überlegung, was ich dagegen tun könnte, führte zu keinem Ergebnis. Und schließlich habe ich mit verschiedenen Menschen darüber gesprochen, auch mit einer der Pfarrerinnen unserer Kirchengemeinde, um in dieser Entscheidung für Paul Nolte irgendetwas zu entdecken, das sich einigermaßen mit meinen Vorstellungen von christlichem Glauben, Nächstenliebe und Gerechtigkeit in Einklang bringen ließe. Ich will Sie also nicht mit der Bitte behelligen, mir diese Entscheidung des Rates zu erläutern.

[2M0] Ich möchte nur wissen, ob Sie diese Ernennung mitgetragen haben. Vorgestern sprach ich mit Frau Dr. Uta Andrée, der Referentin von Prof. Wolfgang Huber, die ich bereits von früherer Korrespondenz etwas kenne. Sie meinte, die Entscheidungen fielen häufig einstimmig, und es sei wenig wahrscheinlich, dass Sie auch nur Ihr eigenes Votum öffentlich machen würden. Aber fragen kann ich ja trotzdem mal. Um Ihnen die Sache zu vereinfachen, gehe ich davon aus, dass Paul Nolte Ihre Zustimmung erhalten hat, wenn ich bis Ende Oktober keine Antwort erhalten haben sollte. Vielen Dank!

[2M1] Mit freundlichen Grüßen

Stephan Geue

(Die Mail wurde am 24. November 2009 beantwortet, allerdings erwartungsgemäß nicht die in ihr gestellte Frage.)

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