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13. Dezember 2009

An Johannes Friedrich, Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Bayern

[2M2] Sehr geehrter Herr Dr. Friedrich,

[2M3] Frau Lüters hat am 24. November Ihr Schreiben per Mail an mich weitergeleitet, für das ich mich herzlich bedanke.

[2M4] Sie fanden meine »Frist« etwas unpassend, was vermutlich der Grund dafür ist, das von mir genannte Datum um gut drei Wochen verstreichen zu lassen. Ich habe »Frist« hier in Anführungsstriche gesetzt, weil sich Frist für mich so nach einer Drohung anhört. (Ich hatte wissen wollen, ob Sie im Rat der EKD für die Berufung Paul Noltes zum Präsidenten der Evangelischen Akademie zu Berlin und Brandenburg gestimmt hatten, und hatte angenommen, dass dies der Fall ist, zugleich jedoch, dass Sie Ihr Votum nicht öffentlich machen würden.) Meine »Drohung« bestand lediglich darin, eine von drei möglichen Antworten, die Sie mir bis zum 31. Oktober hätten geben können, als die tatsächliche annehmen zu wollen. In Ihrem Schreiben hatten Sie meine zweite Vermutung bestätigt, und Ihren übrigen Ausführungen glaube ich entnehmen zu können, dass meine erste ebenfalls zutreffend war.

[2M5] Sie baten mich, über einige Dinge nachzudenken. Das habe ich versucht. So gaben Sie zu bedenken, dass die Mitglieder der Evangelischen Kirche ein weites politisches Spektrum von rechts bis links abdeckten. Das können Sie mit Ihrer zweifellos höheren Sachkenntnis sicherlich besser beurteilen als ich. Da ich jedoch mit Ihnen darin übereinstimme, dass die Kirche keine Partei ist – was für mich nicht ausschließt, auf möglichst vielen Ebenen kirchlicher Arbeit und innerkirchlicher Abläufe Gemeindemitglieder an Entscheidungen teilhaben zu lassen –, kann ich sagen, dass die Ansichten der Mitglieder unserer Kirche – mich inbegriffen – für mich lediglich ein Indikator für die Größe der Baustelle ist, die die Kirche darstellt, bevor sie sich mit Fug und Recht Kirche Jesu Christi nennen kann. Das ist meine persönliche Ansicht, und natürlich definiert jeder das Gebäude anders, an dem wir bauen.

[2M6] Ich habe allerdings auch grundsätzliche Probleme mit der Formulierung »von rechts bis links«. Erstens mag ich sie nicht, weil sie die weltanschauliche Vielfalt auf eine eindimensionale Skala einengt, was dieser zweifelsohne nicht gerecht wird. Würde jemand von mir sagen, ich sei politisch links, rechts oder irgendwo in der Mitte zu verorten, dann würde er mir damit ganz sicher nicht gerecht. Dass ich in der Kontrastarmut politischer Wahlkampfbekenntnisse vermutlich die meisten Häkchen bei Aussagen linker Politiker machen würde, wäre mir kein Hindernis, mit Marxisten in eine erfolglose und daher nicht sehr lange Auseinandersetzung über wichtige Grundfragen zu geraten. Und zweitens bezweifle ich, dass die wichtigsten Aussagen Jesu sich sozusagen gleichmäßig über das politische Spektrum verteilen lassen. Dass gerade diese Gleichmäßigkeit der Verteilung politischer Ansichten den Reichtum unserer Kirche ausmacht – ich zögere trotz längeren Nachdenkens, dieser Ansicht zuzustimmen.

[2M7] Sie schreiben, die Evangelische Kirche bekämpfe antidemokratische Tendenzen. Ich sehe jede Menge davon, und darum würde mich interessieren, was für meine Kirche zu diesen antidemokratischen Tendenzen zählt. Sie sind sich sicher, dass die Positionen Paul Noltes nicht in diese Richtung weisen. Ich gebe dagegen zu bedenken, dass wir seit vielen Jahren eine wachsende Politikerverdrossenheit verzeichnen, was ich darauf zurückführe, dass sich der im Abstieg befindliche Teil der Gesellschaft immer mehr von der Politikerklasse verlassen oder gar verraten fühlt. Wenn Paul Noltes Forderung nach einem Abschied von der Gerechtigkeit – worunter ja wohl zu verstehen ist, dass es ihm noch immer »zu gerecht« zugeht – Genüge getan wird, dann verstärkt und beschleunigt sich m.E. der Abwärtstrend immer größerer Teile der Gesellschaft, und dann wird sich die Zahl der Menschen, die in der Demokratie ein erstrebenswertes System erblicken, weiter verringern und damit bald deutschlandweit unter 50 Prozent liegen. Also, wenn das keine antidemokratische Tendenz ist, dann möchte ich wirklich wissen, was die Kirche für eine antidemokratische Tendenz hält.

[2M8] Sie halten für vorstellbar, dass Paul Nolte umstrittene und provokante Positionen vertritt. Und selbstverständlich halte auch ich ihn für einen freien Denker. Dass er zu fairer Auseinandersetzung bereit ist, stelle ich dahin, denn der Artikel in der FAZ vor einem Jahr hatte hier und da durchaus manipulativen Charakter, wenn ich nur mal das Schlagwort »Nordkoreanisierung« nennen darf. Ich habe keinerlei Einwände gegen eine innerkirchliche Diskussion seiner Thesen; Meinungsfreiheit soll sein, auch innerhalb der Kirche. Und mir ist bewusst, dass er kein kirchlicher Repräsentant war, als er seine Ansichten mit großer medialer Wirksamkeit publizierte. Ich glaube nur nicht, dass er jetzt, wo er die Kirche vertritt, sich darauf beschränken wird, seine Aussagen innerkirchlich zu machen. Er soll ja gerade nach außen repräsentieren. Und darum wird es zu viele Menschen geben, die bei seinen öffentlichen medialen Auftritten denken werden: »Aha, diese Ansicht hat die evangelische Kirche also.« Sie repräsentieren die Evangelische Landeskirche in Bayern, und Sie würden sich vermutlich überlegen, was falsch läuft, wenn die Leute sagen würden: »Die Landessynode allein ist’s, was zählt; lasst den da in München mal ruhig reden.«

[2M9] Sie fragen, was »richtig« sei. Ich würde nach der Kompatibilität mit der Bergpredigt fragen. Was Paul Nolte vertritt, ist eher marktkonform oder gar neoliberal.

[2MA] Ich hoffe, Sie können meinen Ausführungen entnehmen, dass ich die von Ihnen genannten Aspekte bedacht habe. Und ich versichere Ihnen, dass ich wach und kritisch bleiben werde. Paul Nolte jedoch werde ich nicht aus eigener Initiative schreiben. Ich halte seine Ansichten für so »gefestigt«, dass ich das als vergebliche Mühe ansehe.

[2MB] Mit freundlichen Grüßen

Stephan Geue

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