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10. September 2010

An Thomas Begrich, Leiter der Finanzabteilung der Evangelischen Kirche in Deutschland

 

[2P3] Lieber Herr Begrich,

 

[2P4] herzlichen Dank für Ihr Engagement in der Sache.

[2P5] Und es gibt Ihnen kein bisschen zu denken, dass dieser nicht funktionierende Markt die DDR immerhin 40 Jahre bestehen ließ? Die Sowjetunion hat es sogar 69 Jahre lang geschafft. Es hat erst vor wenigen Tagen einen Bericht auf Arte gegeben, in dem ein ehemaliger US-Regierungsberater aus der Reagan-Ära davon erzählte, wie die Amerikaner die Russen in die Pleite trieben, indem sie Saudi-Arabien dazu überredeten, ihr Öl ohne Rücksicht auf OPEC-Förderquoten massiv und zu reduzierten Preisen auf den Markt zu werfen, was die geringen Margen der Russen dramatisch beschnitt. Und auch die Russen hatten Dollar-Schulden.

[2P6] Es gibt übrigens die ernst zu nehmende These, dass das Römische Reich ebenfalls am Zins zugrunde gegangen ist. Zum Schluss sollen ein paar Dutzend Patrizierfamilien das Land beherrscht und alles Geld und Land besessen haben.

[2P7] Ich will die Demokratie keineswegs abschaffen. Das besorgen schon die Parteien; sonst würden sie sich nicht dem erklärten Willen der deutlichen Mehrheit der Bevölkerung widersetzen, sondern auf Bundesebene taugliche plebiszitäre Elemente implementieren. Die Schweiz führt das seit Jahrzehnten vor – ohne Todesstrafe und all die angeblichen Auswüchse.

[2P8] Bei der letzten Bundestagswahl habe ich meine Stimmen de facto verschenkt – eben weil ich kaum eine Partei gesehen habe, die ich noch wählen konnte. Dennoch war ich wählen, aber ich glaube, mit der Wahrnehmung des Wahlrechts, wie wir es kennen, sind wir alle vier Jahre mal für eine Stunde demokratisch, und sonst lassen wir andere Leute irgendwelche Interessen verfolgen. Welche und wessen Interessen das sind, konnten wir jüngst erst wieder beim »Ausstieg aus dem Ausstieg« beobachten. Die Konzernlenker beschränken sich eben nicht darauf, wählen zu gehen; die mischen sich ein, so gut und so oft sie können. Wer glaubt, dass »wir hier unten« das nicht nötig haben, erhält mit jeder Steuer- und Abgabenerhöhung die Rechnung für diese Passivität und das Gelage derer, die von diesen Steigerungen profitieren.

[2P9] Welche Mahnungen Calvins meinen Sie jetzt konkret? In Ihrer ersten Mail schrieben Sie: »Aus dem Geschäft des Geldverleihs sollen Schuldner und Gläubiger gleichermaßen etwas haben.« Wenn Sie diesen Satz meinen: Kaum ein Politiker würde die Behauptung unwidersprochen lassen, dass der Staat von seinen Schulden nur Nachteile hätte.

[2PA] Das wissen Sie doch bestimmt ganz genau: Die Menschen auf der Straße glauben, dass sich die »da oben« ohnehin fürstlich bedienen – und sieht man sich die Diäten an, ihre steuerliche Behandlung, die Pensionsansprüche und die Nebeneinkünfte, die z.B. Guido Westerwelle bezieht und die eine so lange Liste ergeben, dass er für kaum ein Salär davon mehr als nur eine Rede außerhalb seiner Regierungsarbeit halten kann, weshalb man diese Honorare getrost als Kaufsumme betrachten kann. Wenn unter diesen Umständen oder doch wenigstens unter diesem Eindruck für die kleinen Leute auch mal etwas übrig bleibt, dann fragen die nicht mehr danach, ob das zukunftsfähig ist, denn das glauben sie ohnehin nicht.

[2PB] Ich glaube, ich hatte danach gefragt, ob das Geld verzinslich verliehen wird.

[2PC] Ich kann Sie verstehen. Das ist Ihr Job. Es gibt sicherlich viele, die ihn weniger effektiv ausüben oder die eine höhere Quote undurchschaubarer Geldanlagen akzeptieren würden. Da steht man dann neben seinem Vorgänger und hat ein paar kritische Fragen an das Ganze und denkt sich: Perfekt würde ich es wohl auch nicht hinkriegen, aber doch besser. Und dann macht man etwas, was doch nicht so der reinen Lehre entspricht, und muss lernen, damit zu leben – oder muss es andere machen lassen.

[2PD] Das ändert alles nichts an der Tatsache, dass wir ernten, wo wir nicht gesät haben. Leistungslose Einkünfte sind ein ethisches Problem – für manche Menschen jedenfalls. Daran kann man sich irgendwie vorbeimogeln. Woran man sich jedoch nicht vorbeimogeln kann, das ist die volkswirtschaftliche Dynamik, die sich daraus ergibt und die früher oder später zum gesellschaftlichen Zusammenbruch führt; ich hatte das bereits ausgeführt. Dieser Zusammenbruch findet statt, unabhängig davon, ob die »Gemeinschaft« aller Investoren das glaubt oder nicht, sich als Verursacher davon fühlt oder nicht und davon schließlich auch mitgerissen wird oder nicht. Ich begreife nur nicht, wieso das so schwer nachvollziehbar ist. Ich habe ja die Weisheit nun wirklich nicht mit Löffeln gefressen.

[2PE] Glauben Sie das im Ernst? Ich meine, wenn Sie in Nokia Geld investieren – nur mal so als Beispiel –, dann heißt das doch keineswegs zwingend, dass damit Arbeitsplätze geschaffen werden. Es kann auch heißen, dass damit eine neue Fertigungslinie mit höherer Automatisierung errichtet und eine andere geschlossen wird. Dafür wird Geld benötigt, und das sind diese Investitionen. Das Ziel eines Investors ist doch die Rendite und nicht irgendein Arbeitsplatzerhalt. Wenn Dr. Meier in München sich entscheiden muss, ob er Aktien von einer AG kauft, die Leute einstellt und 4 Prozent Gewinn ausschüttet, oder von einer anderen, die rationalisiert, modernisiert, die Belegschaft halbiert, die verbliebene Hälfte anständig bezahlt, ökologisch korrekte Produkte auf den Markt bringt und 10 Prozent ausschüttet – was glauben Sie wohl, was der wählt?

[2PF] In wessen? Die Rumänen bekommen doch nur ein Fünftel oder Zehntel dessen, was in Bochum zuvor die deutschen Arbeitnehmer erhalten haben. Es bleibt also mehr Geld in der Kapitalsphäre und weniger Kaufkraft, die in der Wirtschaft zirkulieren kann. Die Wirtschaft läuft doch nur dann stabil, wenn die zirkulierenden Gelder nicht zu einem immer größeren Teil geliehene Gelder sind – denn diese sind ertragspflichtig. Auch eine AG hätte es viel lieber, wenn ihr die Kunden den Laden einrennen, als wenn auch nur hin und wieder ein Investor käme. Der will sein Geld nämlich zurück und noch den Profit dazu. Die Kunden dagegen wollen nur das, was die AG oder jedes x-beliebige Unternehmen am Besten kann: Produkte und Dienstleistungen, und dafür zahlen sie Geld, von dem sie bei Zufriedenheit keinen Cent zurück sehen wollen.

[2PG] Man kann einer AG kein Geld entziehen. Eine Aktie zu zeichnen ist ja keine Kreditvergabe. Das Geld ist weg – unwiderruflich (außer bei einem Aktienrückkaufprogramm). Außer einer Beteiligung an einer Neuemission können Sie also nur existierende Aktien kaufen bzw. verkaufen. Das tangiert Nokia nur insofern, als der Aktienkurs erstens ein Maßstab für die Ertragserwartungshaltung der Anleger ist, zweitens für das Risiko einer feindlichen Übernahme und drittens umgekehrt für das Potenzial, selbst eine solche Übernahme durchzuführen.

[2PH] Die Frage, ob ich mein Geld in eine Nokia-Aktie investieren würde, kann ich nicht beantworten, weil ich nicht weiß, wie ihre Perspektive ist; dafür kenne ich das Unternehmen zu wenig. Aber dies ist nicht die Frage, um die es mir geht. Es geht um die Frage, was es auslöst, und ich habe den Eindruck, dass Sie die Endkonsequenz kapitalistischer Dynamik nicht im Blick haben. Ich kenne Sie zu wenig, um beurteilen zu können, ob Sie dann immer noch täten, was Sie tun, und ob es Sie auf die Kanzel und sonst wohin drängen würde, wo Sie vernehmbar sind, um das System laut zu kritisieren, ein System, von dem ich nicht so recht glaube, dass es Ergebnis einer internationalen Verschwörung ist, sondern des kollektiven »Es-ist-doch-für-uns-alle-irgendwie-gut«-Bauchgefühls, auch wenn der eine oder andere angesichts der Nebenwirkungen schon stutzig geworden ist.

[2PI] Es wäre keineswegs richtig, Nokia Geld zu entziehen, denn es hängen ja Arbeitsplätze daran. Aber genau das strebt der normale Investor an: mehr aus Nokia herauszuholen, als er hineingetan hat.

[2PJ] Es ist schade, dass ich mich diesbezüglich so wenig verständlich machen konnte. Die Probleme des Wirtschaftssystems halte ich für vorerst banal und beherrschbar. Es geht um das Geldsystem, und das ist etwas fundamental anderes.

[2PK] Nun, das ist eine These, und ich bin durchaus der Ansicht, dass er [ein kirchlicher Ausstieg] Glaubwürdigkeit bringen würde, was in einem Betrieb, der vom Glauben handelt, ein enormes Pfund wäre. Ob die Kirche inzwischen zu sehr für ihre bezahlten Mitarbeiter und zu wenig für das Seelenheil ihrer Mitglieder und anderer Menschen da ist, mag ich nicht abschließend beurteilen.

[2PL] Keine Frage.

[2PM] Ich kann es Ihnen nicht verdenken, denn ich nehme an, dass Sie meinen Halbsatz »wenn der Anwalt der Schwachen Profiteur eines Systems ist, das Menschen überhaupt erst schwach macht« in keinen Zusammenhang mit der Kirche gebracht haben.

 

[2PN] Mit freundlichen Grüßen

 

Stephan Geue

 

[2PP] Nachsatz zur Korrektur: … Ich schrieb: »Man kann einer AG kein Geld entziehen.« Wenig später beschrieb ich, wie es doch geschieht. Und außerdem kann man von einer AG, wenn sie Kredite aufgenommen hat, deren Rückzahlung fordern, wenn dem nicht vereinbarte Fristen entgegen stehen. Ich nehme aber an, dass ich Sie richtig verstanden habe, als ich Ihre Formulierung Geldentzug weder als Kreditrückforderung noch als Dividendenmitnahme interpretierte.

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