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Es gibt Menschen, die es für unernst, Christen, die es für unfromm halten,
auf eine bessere irdische Zukunft zu hoffen und sich auf sie vorzubereiten.
Sie glauben an das Chaos, die Unordnung,
die Katastrophe als den Sinn des gegenwärtigen Geschehens
und entziehen sich in Resignation oder frommer Weltflucht
der Verantwortung für das Weiterleben,
für den Aufbau, für die kommenden Geschlechter.
Mag sein, daß der Jüngste Tag morgen anbricht,
dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen –
vorher aber nicht.

Dietrich Bonhoeffer

Vorwort

[000] Es heißt, wenn Menschen miteinander sprechen, sei nur ein Bruchteil ihrer Konversation verbal. Der Rest bestünde aus Gesten, Mimik und Tonlage, aus Stimmung und Vorurteilen, aus Wissen, Kontext und mehr. Von einem Eisberg ist da die Rede. Ein Eisberg ragt nur zu einem Siebentel aus dem Wasser. Lediglich ein kleiner Teil ist zu sehen, und anzunehmen, dass da weiter nichts sei, kann zum Schiffbruch führen. Das gilt nicht nur für die Nautik, sondern auch für das Gespräch zwischen Menschen. Wer hat noch nicht die Situation erlebt, in der zwei Menschen über etwas diskutieren und irrtümlicherweise längere Zeit glauben, sie redeten von derselben Sache?

[001] Ich werde deshalb großen Wert darauf legen, Begriffe zu klären bzw. zu definieren, bevor sie eine Rolle spielen. Solche Klarstellungen mögen im einen oder anderen Fall zu ungewohnten Interpretationen und Inhalten führen. Die Alternative bestünde in der Schaffung neuer Wörter. Ich werde versuchen, darauf ebenso wie auf stillschweigende Annahmen zu verzichten.

[002] Die einzig exakte Wissenschaft, die ich kenne, ist die Mathematik. Alles andere ist die mehr oder weniger systematische Sammlung und logische Verknüpfung von Erfahrungen. Wo sich solche Erfahrungen reproduzieren lassen, wie etwa in der Physik oder der Chemie, sind wir bereit, von Wissen zu reden und gebrauchen auch schon mal den Begriff Gesetz. Wo die Reproduktion schwieriger wird, wie z.B. in den Lebenswissenschaften, ist der wissenschaftliche Streit unter Experten bereits verbreiteter. Und wenn es schließlich in die Bereiche der menschlichen Psyche geht, sei es bei der Vorhersage von Börsenkursen, bei der Prognose über die Entwicklung von Volkswirtschaften oder kleineren wirtschaftlichen Einheiten oder bei der klassischen Psychoanalyse, dann … – ja, im Grunde beharren auch dann noch erstaunlich viele Menschen darauf, etwas zu wissen, die Regeln zu kennen, Alternativen zu ihrem eigenen Weltbild definitiv ausschließen zu können.

[003] Da diese Abhandlung nicht von der Mathematik handelt – obwohl darin einige Zahlen verwendet werden –, möchte ich meine Darstellungen als Meinung verstanden wissen, nicht als apodiktische Lehr- oder Glaubenssätze. Dazu gehört, dass Formulierungen wie »dann muss«, »beste Lösung« und einer der Lieblingssätze »neuzeitlicher Politik« – »Dazu gibt es keine Alternative.« – möglichst selten vorkommen. Neben den hier dargelegten Ansichten existieren andere, vielleicht überzeugendere. Dennoch zögere ich, dem Pluralismus das Wort zu reden, denn zumindest der Duden definiert ihn u.a. als »innerhalb einer Gesellschaft, eines Staates – vorhandene Vielfalt gleichberechtigt nebeneinander bestehender und miteinander um Einfluss und Macht konkurrierender Gruppen, Organisationen, Institutionen, Meinungen, Werte, Weltanschauungen usw.« Diese Definition enthält ein destabilisierendes Element, mit dessen Wirken die Definition unkorrekt wird. Wenn gleichberechtigte Gruppen um Macht konkurrieren, streben sie nach Aufhebung eben dieser Gleichberechtigung, denn Macht manifestiert sich in Berechtigungen. Meine Kritik richtet sich gegen die Behauptung, die agierenden Menschen seien gleichberechtigt. Zwar dürfen wir unsere Meinungen äußern, aber unsere Vernehmbarkeit, also die jedem einzelnen Menschen zu Gebote stehende mediale Macht, ist eine Frage der zur Verfügung stehenden Mittel, und diese sind nicht gleich verteilt. Also ist die These, unsere Meinungen seien gleichberechtigt, anfechtbar.

[004] Dennoch sehe ich mich Ihnen gegenüber in der Pflicht der Plausibilität. Dazu gehört die Offenlegung eines möglichst großen Teils der verborgenen sechs Siebentel des oben erwähnten Eisberges sowie die Benennung von Annahmen und Maßstäben.

[005] Meinungen sind subjektiv. Das gilt selbst in den Naturwissenschaften. Das Experiment ist der Prüfstein für Meinungen, aber dazu taugt es nur, wenn es exakt reproduzierbar ist. Das bedeutet u.a., dass der Gegenstand des Experiments nicht lernfähig sein darf, denn sonst ginge er mit anderen Voraussetzungen in eine Wiederholung des Experiments, und damit wäre die Reproduzierbarkeit zunichte gemacht. Daraus folgt, dass Meinungen über menschliches Verhalten, über die menschliche Gesellschaft und all die Dinge, die in ihr vor sich gehen, schwer objektivierbar sind, denn der Mensch als Gegenstand eines Experiments ist nicht reproduzierbar, weil er eben lernfähig ist. Ganz sicher sind viele kluge und verwertbare Erkenntnisse über menschliche Verhaltensweisen gesammelt worden, aber sie bieten keine hundertprozentige Sicherheit für die Voraussage, wie sich ein Mensch oder eine Gruppe von Menschen in einer bestimmten Situation verhalten wird.

[006] Die Gründe für die Subjektivität von Ansichten sind verschieden. Meiner Ansicht nach spielen vor allem zwei Faktoren eine Rolle: Die Grenzen der menschlichen und insbesondere der individuellen Wahrnehmungsfähigkeit zum einen und die Prägung durch Interessen und Wertmaßstäbe zum anderen. Manche Dinge stellen sich im Streben nach universeller Gültigkeit oder möglichst vollständiger Erfassung der Realität als so komplex heraus, dass nur wenige Menschen sie verstehen. Wer sich einmal mit Quantenmechanik oder mit der Relativitätstheorie beschäftigt hat, wird einerseits rasch verstehen, wieso sich das Leben auf unserem Planeten bis auf die heutige Stufe auch ohne Kenntnis dieser komplizierten Dinge entwickeln konnte, und mag andererseits darüber staunen, dass es überhaupt Menschen gibt, deren Verstand solche für unser Leben und Überleben entbehrlichen Zusammenhänge erfassen kann.

[007] Das heißt, mit dem Ansteigen der Komplexität eines Sachverhalts oder dessen Darstellung und mit zunehmender Abstraktion einer Beschreibung sinkt die Anzahl derjenigen Menschen, die sie reproduzieren können. Wenn man aber eine Sache nicht mehr vollständig erfasst, kann man sie auch nicht mehr vollständig reflektieren. Man muss sie für sich vereinfachen oder wendet sich von ihr ab. Damit wird die Wiedergabe subjektspezifisch verändert, eben subjektiv.

[008] Die Prägung durch Interessen und Wertmaßstäbe geschieht teils bewusst, teils unbewusst. Sogar zwei Menschen hoher Bildung können über verhältnismäßig einfache Dinge in Dissens geraten, wenn ihre privaten Interessen davon betroffen wären, sobald sie ihrem Gegenüber Recht gäben. Das gilt natürlich auch dann, wenn sie stellvertretend die Interessen von Gruppen »im Hintergrund« vertreten. Häufig werden sie für diese Vertretung bezahlt, und dann liegen wieder primäre Interessen der Meinungsvertreter vor.

[009] Dabei darf man Menschen durchaus nicht pauschal unterstellen, nur dem Ruf des Geldes zu folgen. Leidenschaftliche Auseinandersetzungen können sich besonders dann ergeben, wenn unterschiedliche Weltanschauungen in der Diskussion aufeinander prallen, also Maßstäbe, für deren Verfechtung die Diskussionsteilnehmer bestenfalls das Gefühl bekommen, jemanden überzeugt oder einer »großen Sache« gedient zu haben.

[00A] In allem, was hier geschrieben wird, werde ich deshalb darauf Wert legen, Gründe für eine mögliche Subjektivität, also Kenntnislücken, Interessen und Maßstäbe, offen zu legen.

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